Samstag, 27. Dezember 2014

Rezension: Todesengel von Andreas Eschbach



Genre: Thriller

empfohl. Alter ab 16 Jahren

Verlag: Bastei Lübbe
Seitenzahl: 541
Hardcover: 19,99 €
ebook: 15,99 €
Taschenbuch (erscheint im Juni 2015): 9,99 €

1. Auflage: Sept 2013




"Wir Menschen sind es, die die Welt zu einem schrecklichen Ort machen. 
Weil wir so verblendet sind. Nicht sehen, worauf es ankommt im Leben. 
Weil wir das Leben selbst gering schätzen." S. 417


Klappentext

Ein strahlend weißer Racheengel geht um in der Stadt, heißt es, der überall dort auftaucht, wo Unschuldige in Gefahr sind, und diejenigen, die ihnen Gewalt antun, brutal bestraft: Ist das wirklich nur die Schutzbehauptung eines alten Mannes, der Selbstjustiz geübt hat? Ein Journalist deckt auf: Es gibt diese Gestalt tatsächlich – er kann es beweisen. Und damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf …

Meine Meinung

Gleich zu Beginn bekommt man eine erschreckende Szene vorgesetzt, wie man sie mittlerweile leider schon aus den Nachrichten kennt. Zwei Jugendliche verprügeln einen älteren Herrn, weil der sich erlaubt hat, sie anzusprechen. Der alte Mann, Erich Sassbeck, rechnet schon damit, totgetreten zu werden, denn ein weißer Engel erscheint ihm - doch dann passiert das Unfassbare: Dieser Engel knallt die beiden Schläger einfach ab und verschwindet wieder.
Bei der Polizei hinterlässt das ganze natürlich viele offene Fragen und als sich auch noch die Presse dem Thema annimmt, kommt etwas ins Rollen, das selbst der Journalist Ingo Praise so nicht vorhersehen konnte.

 "Und konnte ein Anlass wirklich so entscheidend sein? War ein Anlass nicht nur so etwas 
wie ein Samenkorn, das auf fruchtbaren Boden fallen muss, um gedeihen zu können?" S. 406

Der Schreibstil ist ausdrucksstark und flüssig zu lesen, es wird auf Details geachtet und ich war immer nah am Geschehen. Eschbach wechselt hier gekonnt zwischen den Perspektiven und vermittelt damit einen guten Überblick. Hauptsächlich begleitet man den Journalisten Ingo Praise, der die Story des "Racheengels" aufbauscht und einige Menschen ins Fernsehstudio holt, die selbst Opfer waren und vor Gericht standen, weil sie sich gewehrt haben. Zum anderen geht es um Kommissar Justus Ambick. Natürlich ist er kein Freund von Selbstjustiz und geht jeder Spur nach, die ihn dem Mörder näher bringen könnte. Aber es gibt auch noch andere Figuren, scheinbar nur am Rande, die eine wichtige Rolle in dem ganzen Drama spielen. Sie zeigen die Gefühle und Reaktionen von Menschen, wie sie auf die Konfrontation mit Gewalt reagieren.
Jeder der Charaktere hat seine Geschichte, seine Vergangenheit, die auch bei kurzen Auftritten treffend und greifbar vermittelt wird.

Die kleinen Cliffhanger haben mich schnell durch die Seiten getrieben und es gab viele Details, die mich nach und nach zum Verständnis und zur Aufklärung führten, was es mit dem Racheengel auf sich hat. Es gibt natürlich auch ein paar heftige Szenen, bei denen sich der Autor aber durch eine knappe Einfachheit zurückgehalten hat.

Was Eschbach hier anspricht ist ein hochbrisantes Thema. Die deutsche Rechtssprechung gegenüber jugendlichen Straftätern, der Selbstschutz von Opfern (wie weit darf ich gehen?), wie sinnvoll ist Zivilcourage, wenn danach der Richter auf mich wartet ...
Viele Fragen zur Rolle von "Täter" und "Opfer", was passiert, wenn man sich wehrt, wenn man zurückschlägt? Ich gehe mal davon aus, dass hier wieder gut recherchiert wurde und es ist wirklich erschreckend, diese Realität im Strafprozeßdschungel so vor Augen geführt zu bekommen. Das heißt aber nicht, dass man sich hier durch Gerichtsverhandlungen lesen muss, die Geschichten werden von den Personen selbst erzählt und nur soviel angeschnitten, dass man einen kleinen Eindruck gewinnen kann, was (falsch) läuft.

"In Sachen Meinungsfreiheit hatte sich gar nicht so viel geändert. Es waren nur andere Dinge, 
die man sagen durfte oder eben nicht. Da sollte ihm keiner was anderes erzählen." S. 7

Woher kommt die Gewaltbereitschaft? Kann man alles auf die Erziehung, die Lebensumstände oder die Gesellschaft abwälzen? Ist jeder frei zu entscheiden, welchen Weg er wählt?
Wenn man sich die Betroffenen einer Katastrophe anschaut, einer Gefahrensituation oder nur eines Konfliktes sehen wir ganz genau, wie unterschiedlich jeder reagiert. Das weiß man und erwartet man auch nicht anders. Im Grunde genommen hätten wir ja alles im Kopf gespeichert, wir wissen genau, wie wir uns zu verhalten haben und trotzdem: Die Reaktion und Verarbeitung ist so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Jeder Mensch ist anders und verarbeitet seine Erfahrungen aufgrund seiner ihm eigenen Persönlichkeit.

"Sie betrachtete ihn und fragte sich, ob es ihm womöglich im Grunde genauso ergangen war wie ihr. Nur, dass er sich nicht in einem Haus versteckt hatte, sondern in seiner eigenen Seele." S. 520

Der Autor bezieht keine Stellung und lässt dem Leser völlig offen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Der Schluss ist zwar etwas konstruiert, passt aber einfach perfekt zur Handlung und das dramatische Ende hat mich einige Tränen gekostet.

Zusammengefasst

Thematik: Täter/Opfer, Zivilcourage/Selbstjustiz
Schreibstil: klar strukturiert, flüssig zu lesen
Charaktere: gut ausgearbeitet
Spannung: fesselnd von Anfang an mit einem dramatischen Ende
Umsetzung: schwieriges Thema absolut überzeugend und fesselnd demonstriert

Fazit

Teilweise erschreckendes, sehr nachdenklich machendes und vor allem beeindruckendes Werk, wie ich es von Andreas Eschbach gewohnt bin. Das schwierige Thema der Gewaltbereitschaft, der Täter- und Opferrolle hat er sehr gekonnt und spannend beleuchtet und dem Leser selbst überlassen, was er daraus macht.

Bewertung

© Aleshanee


Andreas Eschbach - Autor
© Olivier Favre
Über den Autor: geboren am 15.09.1959 in Ulm, ist verheiratet, hat einen Sohn und schreibt seit seinem 12. Lebensjahr. Er studierte in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik und arbeitete zunächst als Softwareentwickler. Von 1993 bis 1996 war er geschäftsführender Gesellschafter einer EDV-Beratungsfirma. Als Stipendiat der Arno-Schmidt-Stiftung "für schriftstellerisch hoch begabten Nachwuchs" schrieb er seinen ersten Roman "Die Haarteppichknüpfer", der 1995 erschien und für den er 1996 den "Literaturpreis des Science Fiction-Clubs Deutschland" erhielt. Bekannt wurde er vor allem durch den Thriller "Das Jesus-Video" (1998), das im Jahr 1999 drei literarische Preise gewann und zum Taschenbuchbestseller wurde. ProSieben verfilmte den Roman, der erstmals im Dezember 2002 ausgestrahlt wurde und Rekordeinschaltquoten bescherte. Mit "Eine Billion Dollar", "Der Nobelpreis" und zuletzt "Ausgebrannt" stieg er endgültig in die Riege der deutschen Top-Thriller-Autoren auf.
Nach über 25 Jahren in Stuttgart lebt Andreas Eschbach mit seiner Familie jetzt seit 2003 als freier Schriftsteller in der Bretagne.
Quelle: Bastei Lübbe Verlag


Kommentare:

  1. Huhu liebe Alex!
    Ich hoffe du hattest wunderschöne Weihnachtsfeiertage mit deiner Familie. Du hast es (mal wieder) geschafft, ein neues Buch auf meine WuLi zu befördern :D Die Liste wächst und wächst echt unaufhaltsam... ^_^
    Liebste Grüsse

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  2. T___T SO NE TOLLE REZENSION ZU EINEM OFFENSICHTLICH TOLLEM BUCH!

    Ich werde mir SPÄTESTENS im März SO VIEL NEUE BÜCHER KAUFEN, da wird das hier auch sofort mitgenommen. Danke für deinen Einblick und die Rezension zu. Irgendwie hab ich verpeilt, hier meinen Glitzer abzulassen. O.O

    "Was Eschbach hier anspricht ist ein hochbrisantes Thema. Die deutsche Rechtssprechung gegenüber jugendlichen Straftätern, der Selbstschutz von Opfern (wie weit darf ich gehen?), wie sinnvoll ist Zivilcourage, wenn danach der Richter auf mich wartet ..."

    --------------------------------> MY BODY IS READY! Ne ernsthaft, der Autor hat sich hier Gedanken gemacht und es überzeugend an den Leser vermittelt. Was will man da mehr? ich hatte erst letztens in nem Psychothriller ebenfalls n stark brisantes Thema, aber das war dann doch zu hoch für den Autor...schön, wenn Herr Eschbach da alles richtig machen konnte. :D

    Und ehe ich hier noch weiter verträumt deine Rezension und Lobeshymnen anschiele, verlasse ich dich. *drück*

    ~ Jack

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    Antworten
    1. Dankeschön lieber Jack ♥
      Ich bin ja sehr gespannt, was du zu dem Buch sagst! Ich fands ja vor allem toll, dass Eschbach einem hier keine Meinung aufdrückt, sondern es mir selbst überlässt, wie ich mit den Informationen umgehe

      Löschen

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