Freitag, 20. März 2015

Rezension: Die Sehnsucht der Atome von Linus Reichlin


Genre: Krimi

Band 1 der Hannes Jensen Reihe
bisher sind 3 Bände erschienen

Verlag: Goldmann
Orig.Verlag: Eichborn 2008
Seitenzahl: 380
Taschenbuch: 8,95 €

1. Auflage: Jan 2010






Zum Inhalt

Hannes Jensen, deutscher Inspektor, 50 Jahre jung, lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Brügge bei der Polizei. Fünf Tage vor seinem Vorruhestand kommt der Amerikaner Brian Ritter zu ihm, der um sein Leben fürchtet. Die Morddrohung scheint aber ein Schwindel zu sein und Jensen macht sich eher Sorgen um die beiden Kinder von Ritter, die 10jährigen Zwillinge. Denn Ritter ist Alkoholiker und der Zustand des Hotelzimmers und die Reaktionen der Kindern geben Grund zur Besorgnis.
Als man am nächsten Morgen Brian Ritter tot auffindet, will Dupont, der Chef der Kripo, die Schuld Jensen in die Schuhe schieben. Dieser macht sich auf eigene Faust an die Aufklärung des Falls und erhält unerwartete Unterstützung von Annick O´Hara, eine blinde, herrische Frau, die ihre eigenen, undurchschaubaren Gründe hat, den Fall zu verfolgen.

Meine Meinung

Das Cover hat mir gut gefallen - nichts besonderes, spiegelt aber sehr gut eine düstere Atmosphäre wider, die man bei einem Krimi erwartet. Der Titel hat mich ja etwas irritiert, aber da der Protagonist Hannes Jensen ein Faible für Physik hat, ergab es dann wieder einen Sinn.

Das Hobby für Quantenphysik bleibt zwar meistens nur am Rande erwähnt, trotzdem fand ich die kleinen, manchmal sehr philosophischen Verbindungen zwischen den physikalischen Gesetzen und Jensens Gedanken faszinierend. Überhaupt ist der Schreibstil von Linus Reichlin ungewöhnlich und an kleinen Stellen fast schon metaphorisch, was ich bei einem Krimi überhaupt nicht gewohnt bin. Aber es passt sehr gut zur Geschichte, denn der Autor schafft hier eine sehr einnehmende, dichte Atmosphäre und auch der Fall des toten Brian Ritter scheint eine übernatürliche Komponente zu haben. Der Lesefluss wirkt einfühlsam, ja eher behutsam, ohne zu stocken oder langweilig zu werden. Erzählt wird aus der Sicht des Protas.

Hannes Jensen, mit dem man immer vertrauter wird, hat einige Schicksalsschläge hinter sich. Die Alkoholsucht seiner Mutter hat ihn sehr geprägt, ebenso wie der frühe Tod seiner Frau, um die er seit 12 Jahren trauert. Er konnte in Brügge, der Heimat seiner verstorbenen Frau, niemals so richtig Fuß fassen und hat seitens seines Chefs eine neidische Abneigung zu spüren bekommen. Die Kündigung kam von Hannes Jensen selbst und obwohl er sich innerlich darauf eingestellt hat und sich darauf freut, seine neue Freizeit physikalischen Experimenten zu widmen, ist er sich unsicher, wie sein weiteres, einsames Leben aussehen wird. In seinem Beruf hat er ein gutes Auge für Details, beobachtet und analysiert sein Umfeld und die Personen, die ihm begegnen.
Annick O´Hara, ein lästiges Anhängsel, die sich ihm regelrecht aufgezwungen hat, ist eine blinde, sehr beherrschte Frau, die es gewohnt scheint, dass man tut, was sie sagt. Ihr Verhältnis zu Jensen ist geprägt von Abneigung und einer subtilen Anziehungskraft. Ich bin lange Zeit nicht wirklich schlau aus ihr geworden und ihre Beweggründe werden bis zum Schluss im Dunkeln gehalten.
Die Beziehung zwischen den beiden ist mehr als kompliziert und erfüllt zum Glück nicht die üblichen Klischees.

Der Fall selbst ist sehr verzwickt durch viele kleine Umstände, die einige Rätsel aufgeben. Je tiefer Jensen gräbt, desto unwirklicher erscheint ihm das ganze.
Es geht nur gemächlich voran, was aber nichts ausmacht, weil das ganze in einen fesselnden Schreibstil und ungewöhnlichen Entwicklungen verpackt ist. Gedanken zu Wunderheilern, zu Wirklichkeit gewordenene Gebeten und der widersprüchlichen Welt, in der wir leben, hat dem ganzen eine ungewöhnliche Atmosphäre gegeben. 

Ich muss dazu nochmal das Experiment erwähnen, das der Autor hier desöfteren streift und durch Jensen auch mal deutlicher zur Sprache bringt. Physik finde ich ja extrem spannend, weil sie so viel von der Welt erklärt und gleichzeitig philosophische Fragen aufwirft. Darum habe ich auch nach diesem Doppelspaltexperiment gegoogelt und eine echt interessante und eindrucksvolle kleine Aufzeichnung gefunden - für alle diejenigen, die sich einem der vielen Rätsel unserer Welt stellen wollen :D Wirklich verstanden habe ich nicht alles, was der Physiker hier erzählt, aber ich möchte da auf jeden Fall noch mehr darüber lesen. Wer darüber genaueres weiß, kann mir gerne Becheid geben! ^^

Auch wenns anfangs etwas komisch wirkt, schaut es euch ganz an! ;)

Zusammengefasst

Thematik: die Wirklichkeit entsteht aus den Möglichkeiten, mit denen wir eine Verbindung eingehen
Schreibstil: eindringlich, ruhig und fesselnd
Charaktere: überraschend anders, regen zum Nachdenken an
Spannung: war nicht wirklich vorhanden, aber ich war immer neugierig, wie es weitergeht
Umsetzung: ein subtiler Mix aus Krimi, Charakterstudie und einer kleinen Einführung in die physikalische Welt

Fazit

Ich fand das Buch großartig, obwohl ich gar nicht genau sagen kann, was genau mich so daran gefesselt hat. Alles im einzelnen war nichts besonderes, aber im Gesamtbild hat es mich einfach überzeugt!

Bewertung
 

© Aleshanee


Über den Autor: Linus Reichlin, geboren 1957, begann nach längeren Aufenthalten in Südfrankreich und Kanada Reportagen zu schreiben, für die er 1996 mit dem Ben-Witter-Preis der ZEIT ausgezeichnet wurde. „Ungewöhnliche Themen, effektvolle Dramaturgie, mitreißende Sprache“ begründete die ZEIT die Auszeichnung. Seit zehn Jahren schreibt Reichlin, der in Zürich und Berlin lebt, mit großem Erfolg Kolumnen. „Die Sehnsucht der Atome“ ist sein erster Roman, für den er auf Anhieb mit dem Deutschen Krimi-Preis 2009 ausgezeichnet wurde.
Quelle: Goldmann Verlag

Website des Autors

Hannes Jensen

1 - Die Sehnsucht der Atome
2 - Der Assistent der Sterne
3 - Er


Kommentare:

  1. Huhu,

    hört sich gut an! Danke für die Rezi ♥

    LG, Tanja

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  2. Hey Alex!

    Du weißt ja wie ich zu den Krimis stehe und wir sind da ja auch nicht immer einer Meinung aber hier muss ich gestehen, machst du mich echt neugierig! Die Sache mit der Physik (ich hab es in der Schule gehasst) finde ich mega interessant und in Verbindung mit Rätseln könnte ich mir wirklich vorstellen, dass das Buch auch etwas für mich wäre.
    Schöne Rezi und neues Buch auf der WuLi. :-D

    LG
    Tilly

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    Antworten
    1. Das Buch ist sicher nicht für jeden was, es ist recht ruhig geschrieben und hat eine ganz besondere, eigene Atmosphäre. Ich fands aber echt super gemacht und vor allem die kleinen physikalischen Zusammenhänge haben für mich auch einen großen Reiz ausgemacht.
      Der zweite war dann nicht mehr ganz so gut, da hat aber der spoilernde KLappentext eine große Schuld dran ...

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